SUIZID UND POLITIK

Nur wenige Stunden nachdem die Nachricht vom überraschenden Tod des früheren FDP-Spitzenpolitikers Möllemann (57) im politischen Berlin einen Schock auslöste und sich die Hinweise auf einen Suizid verdichteten, schrieb der Kommentator der "Frankfurter Rundschau" im Hauptstadtbüro seines Blattes: "Kein anderer war dafür verantwortlich, nur er allein." Wirklich? Ist es so einfach, den tragischen Tod eines Politikers zu erklären? Genügt es, auf "übersteigerten politischen Ehrgeiz, Selbstüberschätzung und die monomanische Besessenheit" von Möllemann zu verweisen? Leidet diese Einschätzung nicht an derselben Krankheit, die auch Möllemann hatte und die darin besteht, politische Ereignisse völlig losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen, als ausschließliches Ergebnis persönlicher Initiativen zu betrachten? Kein Zweifel, Möllemann war ein Politiker, der rechte Standpunkte vertrat und in den vergangenen Jahren immer wieder versuchte, die wachsende Unzufriedenheit, die in großen Teilen der Bevölkerung gegenüber allen Parteien und der ganzen offiziellen Politik herrscht, zu nutzen, um rechtspopulistische Stimmungen zu schüren. Auch die Methoden, mit denen er seine Ziele vertrat - eine Mischung aus Showeffekten, Medienhappenings und Werbegags -, waren abstoßend. Aber sie waren eben nicht das Produkt eines Einzelnen, eines an Selbstüberschätzung leidenden Egomanen. Möllemanns Tod - Augenzeugenberichte, Obduktion und polizeiliche Ermittlungen lassen an einem Suizid kaum Zweifel - muss im Zusammenhang mit einer anhaltenden Degeneration der politischen Verhältnisse gesehen werden, die auch in anderen Ländern zu beobachten ist. Im Mittelpunkt dieser Entwicklung, die man als politische Fäulnis der Demokratie bezeichnen kann, stehen zwei Dinge: Erstens das vollständige Ausschließen der großen Mehrheit der Bevölkerung aus dem politischen Entscheidungsprozess und zweitens - direkt verbunden damit - die Unterdrückung jeder ernstzunehmenden politischen Diskussion. Alle wichtigen politischen Entscheidungen werden in einem kleinen Kreis von Parteifunktionären, Wirtschaftsvertretern, Experten und Journalisten getroffen. Die Interessen der Bevölkerung spielen nicht mehr die geringste Rolle. Oder genauer gesagt, sie werden nur noch vom Standpunkt aus bedacht, wie sie möglichst wirkungsvoll unterdrückt werden können: Millionen demonstrieren gegen Krieg - er findet trotzdem statt. Tausende protestieren gegen Sozialkürzungen - sie werden trotzdem durchgesetzt. Das Ausschalten der Bevölkerung aus der Politik wirkt sich auch auf die Struktur der Parteien aus. Es gibt nicht mehr die geringste Kontrolle von unten. Richtungsentscheidungen werden nicht länger durch politische Debatten und Abstimmungen, sondern durch Intrigen und Mobbing des politischen Gegners herbeigeführt. Möllemann war sowohl Repräsentant als auch Opfer dieser Entwicklung. Als der 25-jährige Grundschullehrer-Referendar aus Münster 1970 der FDP beitrat, begann er eine rasante politische Karriere. Zwei Jahre später saß er bereits als Abgeordneter im Bundestag. Möllemann unterstützte den damaligen FDP-Vorsitzenden und Außenminister Genscher 1982 beim Koalitionswechsel zur Union und wurde mit dem Amt eines Staatsministers im Außenministerium belohnt. Später wurde er Bildungs- und danach Wirtschaftsminister im Kabinett Kohl. In dieser Funktion war Möllemann sogar zeitweilig Vizekanzler, musste aber 1993 aufgrund einer Korruptionsaffäre zurücktreten. Die FDP vertrat seit den achtziger Jahren den marktliberalen Flügel der deutschen Politik und bezeichnete sich als "Partei der Besserverdienenden". Als sie nach dem Ende der Kohl-Regierung in der Wählergunst immer weiter absackte und bei einer Landtagswahl nach der anderen an der Fünfprozenthürde scheiterte, begann Möllemann seine "Kampagne 18%". Anfangs hielten Beobachter seine Ankündigung, er wolle bei den Bundestagswahlen 2002 die Stimmen für die FDP verdreifachen, für einen verrückten Werbegag. Doch schnell wurde klar, dass Möllemann eine Konzeption hatte. Er wollte die FDP für rechte Wählerschichten öffnen. In ähnlicher Weise hatte Haider in Österreich die ehemalige Schwesterpartei der FDP in eine offen rassistisch und rechtsradikale Partei verwandelt. Auch in anderen europäischen Ländern hatten zu dieser Zeit Rechtsparteien Konjunktur, wie Venstre in Dänemark und die Liste Fortuyn in den Niederlanden. Möllemann schreckte nicht davor zurück, auch antisemitische Töne anzuschlagen, um sein Ziel zu erreichen. Wochenlang lieferte er sich eine Auseinandersetzung mit Friedman, dem Vize-Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Möllemann warf Friedman vor, er verschaffe mit seiner "intoleranten, gehässigen Art" und seinem "unerträglichen, aggressiv-arroganten Umgang" den Antisemiten in Deutschland Zulauf. Gezielt vermischte er berechtigte Kritik an der israelischen Regierung mit antisemitischen Andeutungen und distanzierte sich nicht, als rechtsradikale Gruppierungen Beifall klatschten. Zwar war sein Kurs in der FDP nicht unumstritten, aber der Wahlparteitag 2001 erklärte die 18% zur offiziellen Strategie und Möllemann wurde Stellvertreter des Parteivorsitzenden Westerwelle. Doch schon während des Wahlkampfs wurde deutlich, dass einflussreiche Teile der politischen Elite in Deutschland sich gegen die Verwandlung der FDP in eine rechtspopulistische Partei stellten. Die Gründe dafür waren vielfältig. Zum einen war in Österreich, Holland und Dänemark deutlich geworden, dass die Rechtparteien nur mit außerordentlichen Schwierigkeiten unter Kontrolle gehalten werden konnten und ihre Regierungsbeteiligung eher instabile Verhältnisse schuf. Zum anderen wurde befürchtet, dass antisemitische Töne aus der Partei, die über Jahrzehnte den Außenminister stellte, dem Ansehen des Landes und vor allem den Exporten schaden könnten. Noch wichtiger aber war die Angst, dass jede Art von Populismus die unteren Gesellschaftsschichten in Bewegung bringen könnte - was die politische Elite hierzulande panisch fürchtet. Seit dem Ende des Kriegs hat sie sich mit Hilfe der reformistischen Bürokratien bemüht, jegliche unabhängige Mobilisierung von Teilen der Bevölkerung zu verhindern, beziehungsweise unter Kontrolle zu halten. Die Angst, dass sich diese Kontrolle nicht aufrecht erhalten lässt, wenn die Politik die Büros der Experten und die Redaktionsstuben verlässt und die Strasse erreicht, ist weit verbreitet. So kam es, dass die Kampagne gegen Möllemann äußerst heftige Formen annahm, nachdem die FDP bei der Bundestagswahl ihr Wahlziel weit verfehlt hatte. Im Wahlkampf hatte er ein Flugblatt mit erneuten Angriffen auf die israelische Regierung und Friedman an Millionen Haushalte in Nordrhein-Westfalen verteilen lassen. Noch in der Wahlnacht wurde die Frage der Finanzierung aufgeworfen. Auf Druck der Parteiführung trat Möllemann unmittelbar nach der Wahl als stellvertretender Vorsitzender zurück. Im Oktober warf der Schatzmeister der Partei, Rexrodt, Möllemann angesichts der ungeklärten Flugblattfinanzierung eine "wesentliche Verletzung" des Parteiengesetzes vor und erzwang damit Möllemanns Rücktritt als FDP-, Landes- und Fraktionschef in NRW. Als die Parteiführung im November Möllemann zum Parteiaustritt aufforderte, konterte dieser mit der Ankündigung einer Partei-Neugründung. Daraufhin begannen hektische Aktivitäten der Parteiführung in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft, die nicht anders bezeichnet werden können als eine Vernichtungskampagne gegen den Politiker Möllemann. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft leitete vier Ermittlungsverfahren ein: wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung, Betrugs, Untreue und Verstoßes gegen das Parteiengesetz. Keiner der bisher erhobenen Vorwürfe geht über das bekannte Maß an Korruption hinaus. Selbst wenn die weitergehenden Ermittlungen Gerüchte bestätigen sollten, dass Möllemann über seine Verbindung zu arabischen Organisationen an Waffengeschäften im Nahen Osten beteiligt war, übersteigt das kaum die Größenordnung krimineller und halbkrimineller Machenschaften anderer Politiker. Lambsdorf, Ehrenvorsitzender der FDP, ist seit Jahren wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt. Alt-Kanzler Kohl (CDU) weigerte sich standhaft, die Namen der Spender in seine Schwarze Kasse zu benennen, und wurde im Leuna-Schmiergeldskandal stark belastet - Verfahren eingestellt. Der hessische Ministerpräsident Koch (CDU) hat nachweislich das Parlament über seine kriminellen Spendenpraktiken belogen - Verfahren eingestellt, usw. Anders bei Möllemann: Im Februar wurde er aus der Bundestagsfraktion ausgeschlossen und Mitte März kam er durch Austritt einem Parteiausschluss zuvor. Zwei Wochen später kündigte er erneut die Gründung einer eigenen Partei an. Am 5. Juni forderte die Staatsanwaltschaft die Bundestagsleitung auf, die Entscheidung über die Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Möllemann von 16.00 Uhr auf 11.00 Uhr vorzuverlegen. Mehr als 100 Beamte standen bereit, um sofort nach der Entscheidung 25 Objekte in vier Ländern zu durchsuchen: Abgeordnetenbüros, Geschäftsräume, Privatwohnung, Ferienhaus usw. Es handelte sich um die größte Durchsuchungsaktion gegen einen Politiker seit Kriegsende. Eine Stunde nach dem einstimmigen Bundestagsbeschluss zur Aufhebung seiner Immunität sprang Möllemann in den Tod. Dass dafür kein anderer, "nur er allein" verantwortlich war, wie Kröter in der "Frankfurter Rundschau" schreibt, sagt vor allem etwas über den Autor, der an politischem Tiefgang nichts gewonnen hat, seit er von der "Tageszeitung" zur "Frankfurter Rundschau" wechselte. Ernsthaftere Zeitgenossen werden verstehen, dass der Tod Möllemanns ein Schlaglicht auf den Zustand der politischen Verhältnisse wirft. (11.06.03) Die Ursache für den tödlichen Fallschirmsprung des ehemaligen FDP-Spitzenpolitikers Möllemann bleibt auch nach Abschluss der Ermittlungen ungeklärt. "Die Frage Suizid oder Unglück bleibt völlig offen", sagte der zuständige Oberstaatsanwalt am Mittwoch in Recklinghausen. Lediglich Fremdverschulden schließen die Ermittler aus. Möllemann habe bei seinem Absturz am 5. Juni allerdings den Hauptschirm in 1000 Meter Höhe selbst gelöst und nicht den Reserveschirm betätigt. Auch das Sicherheitssystem, das den Reserveschirm spätestens in 225 Meter automatisch öffnet, sei nicht eingeschaltet gewesen, sagte der Oberstaatsanwalt bei Vorstellung der Ermittlungsergebnisse. Nach dem Gutachten, das ein Beamter der Bundesgrenzschutzeinheit GSG 9 erstellt hat, sei das gesamte Fallschirmsystem intakt gewesen, berichtete er. Es gebe auch keinerlei Hinweise auf eine Manipulation durch Dritte. "Dennoch ist laut Gutachter ein Unglück nicht vollständig auszuschließen", sagte der Oberstaatsanwalt. So habe Möllemann möglicherweise das Einschalten des Sicherheitssystems vergessen, weil er in Gedanken zu sehr mit den laufenden Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft in seinen Büro und Privaträumen beschäftigt war. Außerdem sei es möglich, dass der Politiker den Hauptschirm gelöst habe, weil er in Luftturbulenzen geraten sei. Anschließend sei er möglicherweise in eine Art Starre verfallen. Nach den Zeugenaussagen und dem Ergebnis der Obduktion hatte Möllemann die stabile Freifallerposition eingenommen und bis zum Aufschlag beibehalten. "Der Sachverständige hat sich nicht dazu äußern wollen, wie wahrscheinlich ein solcher Unglücksfall ist", sagte der Oberstaatsanwalt. Laut Polizei hatte Möllemann vor dem Absturz gegenüber Freunden und Bekannten in keiner Weise eine Selbstmordabsicht erkennen lassen. Einige Zeugen hätten im Gegenteil berichtet, dass der Politiker in sehr guter Verfassung gewesen sei. "Wenn sich nicht noch ein Abschiedsbrief findet, bleibt die Frage Unfall oder Suizid offen für immer", sagte der Oberstaatsanwalt. Der Zivilprozess um die Spendenaffäre Möllemann zieht sich indes in die Länge. Erst am 5. September wolle das Landgericht Kleve entscheiden, ob der ehemalige Geschäftsführer der nordrhein- westfälischen FDP die Herkunft zahlreicher Spenden offen legen muss, teilte ein Gerichtssprecher mit. Laut Antrag der FDP soll er eidesstattlich erklären, wer in den Jahren 1999 und 2000 insgesamt 1,13 Millionen Mark (577 000 Euro) auf das FDP-Konto eingezahlt hat. Der ehemalige Geschäftsführer war von der Landespartei im vergangenen November fristlos entlassen worden. Er hatte im Auftrag Möllemanns rund eine Million Euro in Teilbeträge gestückelt und unter falschen Namen auf verschiedene Konten eingezahlt. Mit dem Geld sollte Möllemanns umstrittene Flugblattaktion finanziert werden. (09.07.03) Jedes Jahr verüben in Deutschland etwa 11 000 Menschen Suizid - weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Ganz anders die wenigen Aufsehen erregenden Fälle von Familientragödien, bei denen der Täter Ehepartner und Kinder umbringt, bevor er sich selbst tötet. Der jüngste Fall ereignete sich am vergangenen Wochenende in Blieskastel im Saarland. Dort war eine 31-jährige Frau erwürgt und mit schweren Kopfverletzungen in ihrer Wohnung gefunden worden. Ihr früherer Lebenspartner, der den Mord angekündigt hatte, erhängte sich in seiner Wohnung. Ähnliche Familientragödien ereigneten sich im Juni im Saarland, wo ein 70-jähriger Vater seine 35-jährige Frau und seine beiden Kinder erschoss. Im nordhessischen Vöhl erschoss im Mai ein Kriminalbeamter seine Frau, die beiden Kinder und dann sich selbst, weil er für seine Familie keine Zukunft mehr gesehen hatte. Während die Statistiken über gewöhnliche Suizide genaue Aufschlüsse geben, zum Beispiel, dass nur 26 Prozent der Selbsttötungen von Frauen begangen werden, liegen jedoch kaum gesicherte Erkenntnisse über die Zahl der so genannten erweiterten Suizide vor. Allerdings zeigt die Kriminalstatistik, dass die Familie kein sicherer Hort in einer unsicheren Welt ist - im Gegenteil. Einer von drei Morden oder Totschläge erfolgt im Familienkreis. Wenn man den engeren Freundeskreis hinzuzählt, dann sind es sogar zwei von drei Morden, die in diesem Umfeld geschehen. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 955 Morde und Totschläge. Darunter waren 543 Opfer männlich. Von Familienangehörigen wurde jedes vierte männliche Opfer umgebracht. Von den 412 weiblichen Toten wurde aber jedes zweite Opfer (52,4 Prozent) durch Familienmitglieder umgebracht. Das zeigt, auch wenn die Statistik das nicht genau aufschlüsselt, dass Frauen ein sehr viel höheres Risiko tragen, vom Ehemann umgebracht zu werden. Die wenigen spektakulären Fälle, bei denen oft ganze Familien - meist vom Vater - umgebracht werden, bevor sich der Täter selbst das Leben nimmt, sind nicht zu verwechseln mit Amokläufen: Beim Amok werden die Opfer wahllos, oft zufällig ausgesucht. Häufig sollen möglichst viele sterben oder Repräsentanten eines Unrechts werden als Opfer ausgesucht - in Erfurt die Lehrer eines Gymnasiums. Es kann aber auch jeden beliebigen Passanten treffen - wie jetzt in Düsseldorf die Besucher von Straßencafés. Der Amoklauf ist die finale Abrechnung mit der feindlichen Welt. Demgegenüber wird die Familientötung in Abschiedsbriefen oft als Rettung der Angehörigen vor einer feindlichen Welt dargestellt. Eine dieser gewalttätigen Ausbrüche gegen die eigenen Angehörigen hat die ARD für ihre Serie "Familientragödien" in Zwintschöna recherchiert. Fred W. aus Zwintschöna bei Halle tötete am Abend des Karnevalssamstag 2000 zunächst seine Frau und drei seiner vier Kinder. Am Morgen des nächsten Tages erwachte seine 17 Monate alte Tochter. Der Vater legte sich zu ihr, kuschelte noch 30 Minuten mit ihr und erstickte sie dann mit einem Kopfkissen. Erst am Aschermittwoch versuchte sich auch Fred W. das Leben zu nehmen. Vergeblich - er wurde von der Polizei mit aufgeschnittenen Pulsadern in seinem Wagen gefunden und noch im gleichen Jahr zu 13,5 Jahren Haft verurteilt. Fred W. hatte für sich und seine Familie keine Perspektive mehr gesehen. Doch die Ausweglosigkeit ist sehr subjektiv. W. war zwar finanziell am Ende, doch seine Finanzmisere bedeutete für ihn keine existenzielle Bedrohung. Tatauslösend war vielmehr die für ihn unvermeidlich gewordene "Schmach und Schande" - hier lag für W. die wirkliche Bedrohung. Fred W. glaubte, seine Familie vor dieser Demütigung zu schützen, als er sie tötete: "Deshalb habe ich mich zu dieser Tat entschlossen, weil ich meine Familie liebe." Ungewollt bringt W. damit die Dynamik so genannter erweiterter Suizide auf den Punkt: Der Täter unterscheidet nicht zwischen der eigenen Person und seinen Angehörigen. Was für ihn gilt, muss für seine Familie genauso sein. Andere nahe stehende Menschen werden demnach nicht als eigenständige Personen mit subjektivem Erleben und Fühlen begriffen, sondern lediglich als Teil des Selbst erlebt. Der zunächst abwegig anmutende wissenschaftliche Begriff des so genannten erweiterten Suizids übernimmt die Perspektive des Täters: Getötet wird nicht nur die eigene Person, sondern zugleich ihre Erweiterungen, nämlich Angehörige, die als Teil des Selbst verstanden werden. Auf diese Weise werden Taten verständlich, die sonst nur Abscheu und Entsetzen auslösen. Denn über sich selbst darf der Täter in seinen Augen verfügen, ebenso über die Erweiterungen des Selbst, nämlich seine Familie. Das Fehlen von angemessenen Schuldgefühlen, von Scham und tiefer Trauer wird so verständlicher: Getötet wurden eigentlich keine wirklich anderen Personen sondern lediglich Teile des Selbst. Und für solche Teile der eigenen Person glaubt der Täter naheliegenderweise auch zu wissen, was seinen Angehörigen gut tut. Dass Kinder oder Partner möglicherweise das eigene Leben auch ohne ihn als sinnerfüllt und lebenswert empfinden könnten, ist nicht vorstellbar, oft jedoch auch unerträglich - würde dies doch die Bedeutung der eigenen Person relativieren. (09.07.03) Nach dem Anschlag auf ein Rockfestival in Moskau mit 15 Toten hat Präsident Putin gestern zur "Vernichtung tschetschenischer Terroristen" aufgerufen. "Man muss sie in ihren Kellern und Höhlen ausfindig machen, wo sie sich bis heute verstecken, und sie vernichten", sagte Putin auf einer Krisensitzung im Kreml. Bei den Suizid-Attentaten zweier mutmaßlich tschetschenischer Extremistinnen waren am Samstag 15 Menschen getötet worden. Man werde "keine Kompromisse mit den Terroristen" in Tschetschenien eingehen, betonte Putin. Nach russischen Medienberichten soll der Rebellenführer Bassajew hinter dem Anschlag stehen. Bassajew hatte sich in der Vergangenheit bereits zu Terrorakten im Nordkaukasus bekannt. (09.07.03) Wer Erfolg haben, hohe Zufriedenheit und damit große Lebensqualität erreichen will, muss lernen, sich selbst zu managen. Selbstmanagement - Welches ist der erste Schritt dahin? Das Wichtigste ist das Kennenlernen der eigenen Person beziehungsweise der eigenen Stärken und Schwächen. Die meisten Menschen glauben zwar zu wissen, in welchen Dingen sie gut und in welchen Dingen sie schlecht sind, aber häufig liegen sie dabei falsch. Was ist der Grund? Sie sind sich der Ergebnisse ihres Handelns zu wenig bewusst und verfügen vielen Fällen über ein mangelndes Selbstvertrauen. Um dieses zu stärken, sollte eine Feedback-Analyse gemacht werden. Sobald Sie etwas Entscheidendes unternehmen, notieren Sie, mit welchen Auswirkungen Sie rechnen. Nach einer bestimmten Zeit vergleichen Sie die tatsächlichen Ereignisse mit Ihren Notizen, und Sie sehen, dass vieles anders ist. Ein Beispiel: Sie fahren ganz alleine eine weite Strecke mit dem Auto, was für Sie sehr ungewohnt ist. Im Vorfeld malen Sie sich aus, was auf der Fahrt alles passieren könnte. In Tat und Wahrheit stellen Sie aber fest, dass Sie Ihr Ziel ohne Probleme erreicht haben. Die Methode besteht also darin zu lernen, sich selber richtig einzuschätzen. Darin liegt übrigens der Schlüssel zum Glück, wie verschiedene Studien aus der Glücksforschung gezeigt haben. Die Feedback-Analyse ist allerdings nichts Neues. Sie wurde zum Beispiel sowohl von Calvin als auch von Ignatius von Loyola konsequent angewandt und sie hatten Erfolg damit. Sowohl die calvinistische Kirche als auch der Jesuitenorden (von Ignatius gegründet) beherrschten eine Zeit lang ganz Europa. Die Konzentration auf das Wesentliche ist ebenfalls eine wichtige Komponente. Die Konzentration auf das Wesentliche fällt uns heute besonders schwer, da wir über eine bis anhin nicht gekannte Fülle von Möglichkeiten verfügen, wie wir unser Leben gestalten können. Die Konzentration auf die Arbeit ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für einen nachhaltigen Erfolg. Es hat sich übrigens gezeigt, dass vier bis fünf Stunden maximale Konzentration pro Tag das obere Limit darstellen, ohne dass eine Person längerfristig an Erschöpfung leidet. Doch nicht nur den Stärken und Schwächen sollte man auf die Spur kommen, sondern auch den eigenen Bedürfnissen. Das Kennenlernen der eigenen Bedürfnisse ist ein zweiter Schritt auf dem Weg zum Selbstmanagement. Es ist wichtig, dass jeder Mensch seinen Lebenssinn findet und in sozialen Netzen, sprich in der Familie und der Gesellschaft, gut verankert ist. In der Kunst, in der Politik, in der Wirtschaft oder im Spitzensport finden wir zwar immer wieder Persönlichkeiten, die sich während einer bestimmten Zeit praktisch ausschließlich auf eine ganz bestimmte Aufgabe konzentrieren. Eine solch extreme Konzentration auf eine einzige Aufgabe kann zwar kurzfristig durchaus erfolgreich sein, längerfristig ist sie jedoch gefährlich. Einerseits werden Entscheidungen nur aufgrund eines beschränkten Erfahrungshintergrundes getroffen und andererseits gefährden sich solche Persönlichkeiten selbst: Fällt die Aufgabe weg oder erleidet die Karriere einen Knick, können schwerste Defizite entstehen, die sich nicht selten in Depressionen äußern oder sogar zum Suizid führen. Die Zeit für Entspannung und Erholung, kurzum für freudige Momente, muss also genauso eingeplant sein wie die Zeit für Beruf und Arbeit. Denn all jene, welche diese Bedürfnisse auf die Dauer vernachlässigen, werden anfällig für Burnout und fühlen sich konstant müde und freudlos. Nicht zuletzt sollten einem aber auch die eigenen Wertvorstellungen sowie die eigene Arbeitsweise bewusst werden. Weil das Wissen hierüber meine Leistung beeinflusst und insofern auch meine Zufriedenheit. Wo gehöre ich hin und wo gehöre ich auf keinen Fall hin, wie und wann lerne ich am effizientesten? Kann ich gut kooperieren oder bin ich eher ein Einzelgänger? Kann ich besser beraten als entscheiden? Diese Fragen sollte man für sich beantworten und sie auch den Menschen im eigenen Umfeld stellen. Die meisten Menschen wissen nicht, wo sie hingehören, bis sie die Zwanzig deutlich überschritten haben. Aus diesem Grund sollten sich junge Menschen vermehrt die Frage nach den Stärken und Schwächen, nach den Wertvorstellungen und ihrer ganz persönlichen Arbeitsweise stellen. Wer annähernd weiß, dass er in einer großen Organisation nicht arbeiten kann, sollte dort auch keine Stelle annehmen, und jemand, der nicht gerne Entscheidungen fällt, sollte nicht eine Position einnehmen, wo dies täglich von ihm verlangt wird. Aber wer landet schon mit 30 Jahren da, wo er landen möchte? Viele Fähigkeiten entwickeln sich ja erst im Laufe eines Lebens und zwar auch auf Grund von vorangegangenen Tätigkeiten. Die Konsumentenschützerin Sommaruga beispielsweise war einst Pianistin. Aber Menschen, die sich kennen, lassen sich leichter auf Chancen ein und können sich entwickeln. Wer weiß, wo er hinpasst und wo nicht, kann - selbst wenn er nicht zu den Hochbegabten zählt, aber ansonsten fleißig und sozial kompetent ist - Herausragendes leisten. (09.07.03)

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